Stirbt ein Mensch in unserer Gemeinde ohne Angehörige oder Freunde, so bleibt er auf seinem letzten Weg zum Grab nicht allein … eine verlässliche Zusage
Erich K. verwitwet, ohne Kinder – stirbt 89-jährig in seiner Wohnung. Bis zuletzt konnte er sich allein versorgen, sagt die Nachbarin, die ihn gefunden hat. Ein Eigenbrötler sei er gewesen, habe niemanden an sich herangelassen. Der Bestatter informiert das Pfarrbüro: Erich K. ist katholisch und hat offensichtlich keine Angehörigen. Der Bestattungszeitpunkt wird festgelegt und wer bestattet – einer der Priester oder eine Beerdigungsbeauftragte.
Das Pfarrbüro informiert Rosemarie A. darüber. Die jetzt 89-Jährige informiert per Mail und Telefon die an St. Severin aktive Gruppe der Beerdigungsbegleiter*innen. Seit März 2010 gibt es die Initiative "Keiner geht allein" zur Begleitung sogenannter einsamer Beerdigungen. Es war den Seelsorgern aufgefallen, dass dieser in früheren Jahren sehr seltene Fall in den 2000er-Jahren deutlich zunahm. Zunächst fanden sich 10 Personen bereit für diesen besonderen Dienst. Heute sind es annähernd 20 Personen, fast ausschließlich Rentnerinnen und Rentner, finden doch die Beerdigungen meist vormittags statt. 117-mal wurden Verstorbene in den inzwischen 16 Jahren auf ihrem allerletzten Weg begleitet: zur Ruhestätte auf dem Friedhof.
Dazu müssen alle Begleitpersonen gut zu Fuß sein, denn meist geht es um sogenannte Sozialbeerdigungen, und das Gräberfeld dafür liegt auf dem Südfriedhof gut einen Kilometer vom Friedhofseingang entfernt.
Rosemarie A. sorgt dafür, dass jede und jeder eine Rose für das letzte Geleit bekommt – fair gehandelt, darauf legt sie Wert. Die Rosen werden am Grab um die Urne gelegt.
"Natürlich bin ich dabei", sagt die 91-jährige Lilo M., die ganz in der Nähe des Südfriedhofs wohnt, "solange ich den Weg schaffe, gehe ich mit. Da habe ich gute Gelegenheit, über mein eigenes Leben und Sterben nachzudenken."
Marianne Ricking ist vom Bischof für St. Severin beauftragt zu beerdigen. Sie bestattet Erich K. Über seine Person und sein Leben hat sie nichts erfahren können. Bei den jährlichen Senioren-Geburtstagsbesuchen des Caritaskreises hat er nie die Tür geöffnet, stellte sich heraus. Häufiger als man annehmen möchte, gibt es keine oder nur sehr spärliche Information zu verstorbenen Personen. Lebte jemand in einer Senioreneinrichtung, können schon einmal Pflegepersonen etwas Persönliches sagen, aber auch da sind die Informationen oft knapp.
Das ist spürbar traurig, aber es gibt zumindest jenen Halt, den der liturgische Rahmen der kirchlichen Begräbnisfeier zuverlässig bietet – mit allen Ritualen, allen Gebeten und Segenszeichen einer Beerdigung. Die Anwesenden werden mit einbezogen, halten Fürbitte oder tragen einen biblischen Text vor. Darüber hinaus spricht Marianne Ricking die allen unbekannte verstorbene Person an mit einem Brief, den sie vorliest und dazu die Umstehenden bittet, ihren Namen zu nennen. So entsteht eine besondere Form der Verbundenheit.
Nachdem das letzte Amen gesprochen ist, alle ihre Rosen um die Urne gesteckt und eine Kerze angezündet haben, geht es auf den Rückweg. Fast alle haben dann das Bedürfnis zu sprechen, sich auszutauschen; manchmal wird zusammen noch ein Kaffee in der nahegelegenen Bäckerei getrunken. Gutes Miteinander prägt und trägt die Gruppe, auch wenn die Zusammensetzung je nach den zeitlichen Möglichkeiten der Beteiligten wechselt.
Gelegentlich kommen aber dann doch Verwandte, ehemalige Kollegen, Nachbarn zur Beerdigung, unerwartet. Als das zum ersten Mal passierte, waren die "Begleiter" zunächst etwas irritiert, dann aber schnell erleichtert; hatten doch die Hinzukommenden freudig wahrgenommen, dass die verstorbene Person von Menschen der Gemeinde solche Anteilnahme erfährt.
Ergeben sich im Anschluss an die Beerdigung dann noch gute Gespräche über den zu Grabe getragenen Menschen oder die Erfahrungen und Motivationen der Leute von "Keiner geht allein", so kann auch ein so trauriger Anlass zum Geschenk für alle Beteiligten werden: ein zuversichtliches "Memento mori!" – "Denk dran, dich werden auch Menschen auf deinem letzten Weg begleiten!"
Ingrid Rasch