Markus Amman beschreibt seine Erfahrungen beim Kirchenempfang in St. Severin.
Freitags um 14.30 Uhr in St. Severin: Die Wintersonne des Januars lässt die Kirche erstrahlen, einige Menschen sitzen ins Gebet vertieft in einer Bank, andere schlendern interessiert durch den großen Raum oder holen sich – wie jeden Freitag – nur kurz das neue Wochenblatt ab. Viele der Gesichter kommen mir nach gut einem Jahr als Mitarbeiter im Kirchenempfang bekannt vor, weil sie unsere Kirche regelmäßig aufsuchen. Ganz gezielt kommt ein älterer Herr auf unseren Platz neben dem Eingang zu und erkundigt sich zunächst nach der Heizung in der Kirche. Doch schnell wird klar, dass er einen Zuhörer sucht, dem er von den Dingen erzählen kann, die ihn belasten. Und so berichtet er mir sehr schnell von seinem Leben, seinen psychischen Problemen, einer schweren Operation nach einer Krebsdiagnose, seiner Einsamkeit … aber auch von seinen regelmäßigen Besuchen in St. Severin. Denn hier kann er mit all seinen Themen in Ruhe zu Gott kommen und etwas Kraft tanken in einem Raum, in dem er sich geborgen fühlt. Und in seiner Einsamkeit weiß er, dass er hier immer jemanden antrifft, der ein offenes Ohr für ihn hat und dem er von all seinen Nöten berichten kann. Und so reden wir fast eine Stunde, bis er plötzlich ganz ruhig wird und zu lächeln anfängt, denn er fühlt sich auf einmal leichter.
Von Zeit zu Zeit kommt eine Dame in den Fünfzigern in die Kirche. Immer gut gelaunt begrüßt sich mich und freut sich, wenn wir uns hier wieder treffen. Bei ihrem letzten Besuch hat sie mir erzählt, dass sie inzwischen im Münsterland lebt, es sie aber immer wieder in "ihre" Südstadt zieht und sie alle paar Wochen hierherkommen muss. Denn hier hat sie ihre Jugend verbracht und eine Ausbildung absolviert. Und so stehen Karneval, CSD, Kölner Lichter etc. fest in ihrem Terminkalender, aber an erster Stelle immer der Besuch von St. Severin. Ihr ist es wichtig, sich Zeit für ein Gebet zu nehmen und sich in Ruhe an alte Zeiten erinnern zu können. Und dies stets mit der Hoffnung verbunden, eines Tages wieder eine bezahlbare Wohnung in Köln zu finden.
Es ist gut, dass wir unsere Kirche St. Severin nicht nur für diese beiden, sondern für alle Menschen jeden Tag öffnen. Dass wir in diesen stürmischen Zeiten, in denen unsere vertraute Welt immer mehr ins Wanken gerät, einen Fels in der Brandung in unserem Veedel schaffen. Einen Ort, der in unserer schnelllebigen Welt Ruhe und Geborgenheit bietet, zum Gebet einlädt und die persönliche Begegnung mit anderen ermöglicht. Unzählige Menschen hat dieser Ort auf dem Weg durch ihr Leben begleitet und es ist gut, dass er dies auch weiterhin verlässlich tut. Und für viele ist es gut zu wissen, dass sie jemanden antreffen, mit dem sie von Angesicht zu Angesicht sprechen können, der ihnen vielleicht sogar vertraut ist, sei es, um nur einen kurzen Plausch zu halten oder aber die ein oder andere Sorge loswerden und etwas Ballast abwerfen zu können.