Mit violetter Weste

Ein Unfall, ein Unglück geschieht – das bisherige Leben ändert sich nicht selten von einer Sekunde zur nächsten. Jede Sicherheit verschwindet. Das Leben gerät aus der Spur. 
Dann kommen – verlässlich – Notfallseelsorger zum Einsatz. Kaplan Sven Thomsen ist (auch) Notfallseelsorger. Anke Lutsch (Pfarrbriefredaktion) fragt nach seinen Erfahrungen.

Anke Lutsch: Wann wirst du gerufen?

Sven Thomsen: Ich werde von der Feuerwehr oder Polizei dazu gerufen, wenn eine akute Krisensituation vorliegt. Das kann ein schwerer Unfall mit Todesfolge sein, ein Amokalarm, ein Brand und vieles mehr. Dann bin ich für die Angehörigen oder betroffenen Personen da. 

Wie erleben die Menschen deinen Einsatz? Wie reagieren sie?

Das ist ganz unterschiedlich. Wenn ich zu einem Einsatzort komme, herrscht vor Ort oft ein Gewirr aus Polizei und Feuerwehr mit Schutzkleidung in neonfarben. Ich muss zunächst Ruhe bewahren und die vorgefundene Situation einschätzen.  Ich trage immer eine violette Weste mit Aufschrift Notfallseelsorger. Die ist enorm wichtig, da sie sich farblich abhebt. 

Dazu habe ich meinen Notfallrucksack mit allen möglichen Gegenständen, die ich zur Unterstützung nutzen kann. Das beginnt mit Schokolade oder Zigaretten, einem Kuscheltier für Kinder oder Hunde-snacks, um ggf. über das Haustier einen Zugang zu seinen Besitzern zu bekommen. Die Betroffenen befinden sich oft in einem Schockzustand. Das bedeutet auch, dass ich vielleicht mal 15 Minuten Stille aushalten muss, da den Personen die Worte fehlen. 

Für viele ist das Wissen beruhigend, dass ich nur für sie da bin. Jemand, der einfach zuhört oder vielleicht auch Informationen besorgt. Unser Motto bei der Notfallseelsorge ist "Da sein, nah sein."

Jeder Einsatz ist anders. Ich habe eine therapeutische Ausbildung gemacht. Das hilft mir in sehr vielen Fällen. Wenn jemand keine Hilfe von uns möchte, dann ist das auch okay. 
 
Was ist die größte Schwierigkeit?

Ganz klar, wenn Kinder involviert sind. Die Begleitung und Betreuung von Kindern ist für mich die schwierigste Situation.  Die Trauer eines Kindes ist sehr schwer zu ertragen. Es gibt Kollegen, die sich bewusst aus solchen Fällen zurückziehen.

Unsere Nachbesprechung im Einsatzteam und Intervisionsgruppen helfen uns, damit umzugehen. Wir können jeden Einsatz im Team nachbesprechen und selber auch professionelle Betreuung in Anspruch nehmen. 

Und dann ist da noch das Thema, dass alles mit privaten Handys dokumentiert wird. Das erschwert auch einiges.

Wie gewinnst du selbst Stärke und Zuversicht?

Gott gibt mir Kraft, auf ihn kann ich mich verlassen. Diese Verlässlichkeit, mein Gebet und meine eigene Spiritualität sind mein Halt. Ich bin als Seelsorger nicht in einer christlichen Mission unterwegs. Aber wenn jemand mit mir beten möchte, dann hole ich meine Bibel aus meinem Notfallrucksack …

Beim Einsatz immer mit dabei: Der Rucksack, gefüllt mit wichtigen Utensilien und einer violetten Weste. (c) SilviaBins

Beim Einsatz immer mit dabei: Der Rucksack, gefüllt mit wichtigen Utensilien und einer violetten Weste.