Am Montag sind wir wieder da ..., sagt Hein Engels.
Der alte Mann im weißen Haus pöbelt wieder, die KVB streikt, das Wetter war auch schon mal besser, Russland greift weiter die Ukraine an, die Politik plant bei denen zu sparen, die schon jetzt zu wenig haben: Wer sowieso am Essen sparen muss, braucht auch keinen Zahnersatz. Überall nur schlechte Nachrichten, wo bleibt denn da das Positive?
Vielleicht hier? Ein ganz normaler Montag in der Südstadt, 13.30 Uhr. Der Kapitelsaal der Kartäuserkirche ist voller schwarzer Klappkisten mit Lebensmitteln, gerettet von Ehrenamtlern der Tafel in Supermärkten, Metzgereien und Bäckereien. Dann geht die Tür auf und die ersten Best Ager kommen herein, fröhliche Begrüßung … Hast du gesehen ...? Habt ihr schon gehört ...? Weißt du schon ...? Aus den verschiedenen Veedeln kommen sie hierhin, um die Lebensmittel zu sortieren: die Guten in die Auslage, die weniger Guten in die Biotonne und dabei das gute Gefühl etwas Sinnvolles zu tun. Im Lauf der Zeit hat sich eine gewisse Arbeitsteilung eingespielt. Wenn die "Auslage" bereit ist, steht die Brot- und Konditoreifachkraft neben dem Salatspezialisten, die Südfruchtabteilung grenzt an die Kartoffelkiste und direkt neben dem Eingang ist die Frischetheke. Alles hat seinen Platz. Jeder und jedes kann sich hier verlässlich wiederfinden.
Verlässlichkeit auch für die Kundinnen und Kunden, die sich derweil draußen versammelt haben. Auch hier Begrüßungen und Lachen. Man spricht Deutsch, Kölsch, Türkisch, Ukrainisch, Arabisch usw., dennoch klappt die Verständigung irgendwie. Manche kommen jeden Montag, manche nur jeden zweiten, aber neben den Lebensmitteln ist vielen auch die Begegnung und der Austausch wichtig. Man kennt sich, man hilft sich. Die Stimmung ist entspannt – die Lage ist zwar nicht berauschend, aber alle versuchen das Beste daraus zu machen. Zwischen den Erwachsenen laufen Kinder umher, lachen und spielen.
Um 15 Uhr geht die Tür auf, die ersten Kundinnen und Kunden kommen in den Kapitelsaal, der jetzt ein wenig einem Tante-Emma-Laden gleicht, und gehen von Stand zu Stand. Nicht jede und jeder kann alles verwenden, es gibt Unverträglichkeiten, religiöse Vorschriften, "Kenn-ich-nicht". Aber immer ist für jede und jeden etwas dabei, das in der kommenden Woche hilft. Es kommt auch vor, dass zu einem Gemüse gleich ein Rezeptvorschlag mitgeliefert wird, und in der Woche darauf wird dieser kommentiert. So geht das eineinhalb bis zwei Stunden und dann kehrt wieder Ruhe ein. Der Kapitelsaal wird in den Originalzustand zurückversetzt und jetzt erinnert nichts mehr an das rege Treiben, das hier noch vor kurzem stattfand.
Manchmal löst es auch Freude aus, wenn jemand nicht mehr erscheint. Eine Kundin hat eine Stelle im Krankenhaus gefunden, eine andere unterstützt Kinder in der Schule beim Lernen oder jemand hat einen Job als Fahrer für einen Lieferdienst gefunden. Kleine Erfolgsgeschichten, die Hoffnung geben und ein wenig helfen, schlechte Nachrichten nicht überzubewerten.
Und all das wiederholt sich an jedem Tag in jeder Woche an vielen verschiedenen Stellen in der großen Stadt am Rhein:
Am Morgen schwärmen die Lieferwagen mit dem Tafel-Logo aus, sammeln Lebensmittel ein, bringen sie zu den Ausgabestellen, wo sie verteilt werden.
Und während dieser Text entsteht, kommt das Motto der kommenden Session heraus. Jeder Kölner weiß: nach Karneval ist vor Karneval. Und das neue Motto taugt nicht nur für eine Session, sondern weit darüber hinaus: "Morje es, wat do drus mähs!" – In diesem Sinne ...