Eintauchen in andere Zeiten

Restaurieungsarbeiten erfordern viel Zeit und Geduld. Restaurator Michael Streuff von den Restauratoren Kartäuserhof, die auch bereits in St. Severin und St. Paul gearbeitet haben, sprach mit Martin von Bongardt von der Pfarrbriefredaktion über seine Arbeit und seine Erfahrungen.

Martin von Bongardt: Wie sind Sie zum Beruf Steinmetz bzw. Restaurator gekommen?

Michael Streuff: Schon als Kind habe ich meine Freizeit gerne mit plastischem Gestalten verbracht. In meiner Heimatstadt Neuss beeindrucken mich bis heute vier mächtige Löwen aus Tuffstein, die an den Portalen einer Schule erhalten sind und von meinem Urgroßvater geschaffen wurden. Diese Skulpturen und die Erzählungen über meinen Urgroßvater, der in Neuss eine Steinmetzwerkstatt betrieb, haben früh meinen Wunsch geweckt, selbst Steinmetz und Bildhauer zu werden. Meine Ausbildung zum Steinmetz an der Kölner Dombauhütte hat mein Interesse an Denkmalpflege und Restaurierung maßgeblich geprägt.

Bei Restaurierungen taucht man ja in andere Zeiten ein, das heißt man arbeitet nicht nur an einem Objekt, sondern es erzählt auch eine Geschichte oder vermittelt etwas von der Epoche, in der es entstand. Ist das oft eine spannende Entdeckungsreise?

Wenn im beruflichen Alltag ein neuer Auftrag ansteht, beschäftige ich mich zunächst intensiv mit der Entstehungszeit des Objekts, um ein umfassendes Verständnis der Aufgabe zu gewinnen. Die Sichtung historischer Quellen ist dabei ein besonders spannender Teil der Arbeit, denn viele Eigenheiten lassen sich erst durch Literaturrecherche richtig einordnen. Genaue Beobachtungen der Gesteinsoberflächen vermitteln zudem oft Details ihrer Geschichte. Häufig finden wir Steinmetzzeichen oder Ritzungen in den Werksteinen, die wir bearbeiten. Die Dokumentation solcher Spuren ist mir ein besonderes Anliegen.

Da Restaurierungsarbeiten sehr behutsam ausgeführt werden und oftmals zunächst ein Restaurierungskonzept erarbeitet werden muss, erfordert dies viel Zeit und Geduld Wie erleben Sie das?

Viele Arbeitsprozesse in der Restaurierung sind sehr zeitaufwendig. Besonders bei Freilegungen muss äußerst behutsam vorgegangen werden, um verdeckte Befunde nicht zu gefährden. Dafür braucht man von Natur aus Geduld. Durch die lange Zeit, die man mit einem Objekt verbringt, entsteht oft eine besondere Beziehung zu ihm. Die eigene Lebenszeit, die man während der Bearbeitung durchläuft, verknüpft sich gewissermaßen mit dem Objekt. Das geht mir häufig durch den Kopf, wenn ich eine Skulptur restauratorisch bearbeite: Auch der Bildhauer, der sie einst geschaffen hat, hat währenddessen sein Leben gelebt und vieles erlebt. Dieser Gedanke belebt mein Empfinden für das Werk. Die aufgebrachte Geduld wird fast immer belohnt – sei es durch spannende Entdeckungen während der Maßnahme oder durch den am Ende deutlich besser ablesbaren Zustand des restaurierten Objekts.

Was war für Sie das schönste Projekt, an dem Sie gearbeitet haben?

In fast 25 Jahren Selbständigkeit haben wir viele schöne und spannende Projekte bearbeitet. Die Freilegung und Restaurierung der mittelalterlichen Innenraumschale (Wand- und Gewölbeoberfläche) von St. Severin in Köln gehört sicherlich zu den bedeutendsten. Die Aufgabe war komplex, arbeitsintensiv und zeitaufwendig, wurde jedoch durch zahlreiche spannende Befunde und ein stimmiges Endergebnis belohnt.

Für mich als Bildhauer zählt die Rekonstruktion der hl. Ursula auf der Ursulinenkirche in der Machabäerstraße in Köln zu den wichtigsten Projekten meiner Laufbahn. Die Fertigung der 3,20 m hohen Skulptur hat mich fast zwei Jahre lang begleitet – eine sehr intensive und prägende Zeit in meinem Leben.

Der Restaurator während der Reinigung eines Kapitells (c) privat

Der Restaurator während der Reinigung eines Kapitells