Zeit – mehr als Minuten und …

Menschen können nur zeitlich denken. Wir leben in Kategorien von vorher und nachher, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zeit begleitet uns ständig. Sie tickt auf der Uhr, erinnert an Termine, drängt im Alltag und scheint manchmal davonzulaufen. Manchmal sagen wir: "Die Zeit rast." Dann wieder: "Die Zeit steht still." Doch was ist Zeit eigentlich? Und was bedeutet Zeit aus christlicher Sicht? Theologen verschiedener Epochen haben sich mit dieser Frage beschäftigt.

Es ist 1600 Jahre her, dass der Kirchenvater Augustinus die Frage gestellt hat: "Was also ist Zeit?" Er findet für sich die Antwort: Wenn mich niemand fragt, weiß ich es; wenn ich es erklären soll, weiß ich es nicht mehr. Zeit ist für ihn etwas Rätselhaftes. Vergangenheit ist vorbei, Zukunft noch nicht da, und die Gegenwart scheint nach einem Wimpernschlag wieder zu verschwinden.

Augustinus entdeckt: Zeit lebt im Menschen. Vergangenes bleibt als Erinnerung in uns, Zukunft erscheint als Hoffnung oder Erwartung, und Gegenwart erfahren wir im Augenblick. Und Gott? Gott dagegen – so denkt Augustinus – lebt nicht in diesem Fluss. Bei Gott ist alles Gegenwart. Nicht im Sinn eines eingefrorenen Moments, sondern einer vollkommenen Fülle. Er interpretiert damit den Psalm: "Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist." Damit ist nicht gemeint, dass Gott tausend Jahre sehr schnell erlebt, sondern dass Gott Wirklichkeit auf eine ganz andere Weise sieht, als wir Menschen es tun. Für Gott vergeht nichts. Er verliert nichts an die Vergangenheit und wartet auf nichts in der Zukunft.

Das hat für Augustinus ungeheure Folgen. Denn wenn Gott mich sieht, sieht er nicht nur den Menschen, der ich heute gerade bin. Er sieht: den Menschen, der ich war – den Menschen, der ich geworden bin – den Menschen, der ich noch werden kann. Nicht nacheinander – sondern zugleich. Er sieht mein ganzes Leben als Ganzes.

In anderen Artikeln dieses Pfarrbriefs werden Sie lesen, dass Zeit nicht nur eine philosophische Frage ist. Jeder Mensch erlebt Zeit ganz persönlich. Für Kinder dauert das Warten auf Weihnachten ewig. Schöne Stunden vergehen dagegen oft viel zu schnell. Ein Jahr kann lang erscheinen – und plötzlich stellt man fest: Schon wieder ist Weihnachten.

Karl Rahner entdeckt Zeit auf dieser sehr persönlichen Ebene. Für ihn ist Zeit Raum menschlicher Freiheit. Unser Leben ist nicht einfach eine Reihe von Minuten. Zeit ist die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, Beziehungen zu gestalten, zu lieben, zu hoffen und zu wachsen. In unserer Lebens-zeit entscheidet sich, wer wir werden.

Mich interessiert jedoch nicht nur die Frage, was Zeit ist oder wie wir Menschen Zeit erleben. Mich interessiert auch die Frage, wie Gott und Zeit gedacht werden können. In unserem Glauben gehen wir davon aus, dass Gott nicht außerhalb unserer zeitlichen Welt schwebt, sondern dass er in unserer Zeit handelnd eingreift.

Erfahrbar wird das z.B. wenn wir Gottesdienst feiern. In unserer Liturgie feiern wir nicht bloß die Erinnerung an Vergangenes. Wenn wir Weihnachten, Ostern oder Pfingsten feiern, dann sind das nicht nur Erinnerungsfeste. Joseph Ratzinger sagt, dass hier Vergangenes gegenwärtig wird. In jeder Eucharistie, in jeder Feier eines Festes im Kirchenjahr berührt die Zeit Gottes unsere eigene Zeit. Wer Gottesdienst feiert, verlässt für einen Moment den gewöhnlichen Rhythmus von Zeit und tritt in einen größeren Horizont ein.

Besonders deutlich wird das für Hans Urs von Balthasar in Jesus Christus. Für ihn begegnen sich in Jesus Zeit und Ewigkeit. Gott bleibt nicht Zuschauer des menschlichen Lebens. Er wird Mensch, erlebt Geburt und Kindheit, Freundschaft und Freude, Leid und Tod. Gott kennt unser Leben nicht nur von außen – er hat es selbst in Jesus  zeitlich erlebt. Und doch wirkt dieses Leben Jesu weiter bis in unsere Zeit hinein – und das nicht nur als Erinnerung.

Und schließlich sieht Teilhard de Chardin die gesamte Geschichte der Welt als einen Weg mit Ziel. Die Welt entwickelt sich nicht ziellos oder im Kreis. Sie bewegt sich auf Christus zu – in dem alles vollendet wird. Zeit ist deshalb mehr als das Verstreichen von Tagen. Sie ist ein Weg, auf dem Gott die Welt begleitet und vollendet.

Damit ist unsere Zeit nicht nur gefüllt mit Terminen, Verpflichtungen und dem Gefühl, dass alles immer schneller wird. Christlicher Glaube vertraut darauf, dass Gott mitten in unserer Zeit handelt – oft leise, manchmal verborgen, aber immer gegenwärtig. Damit ist jede Stunde unseres Lebens mehr als bloße Zeit: sie kann immer auch ein Ort der Begegnung mit Gott sein.

Kaplan Sven Thomsen

Zeit-Taue-HS