Die Severinskirche ist täglich geöffnet – die Mitarbeitenden im Kirchenempfang erleben, dass immer wieder Menschen kommen, die sich in eine Bank setzen und eine Zeit in Stille verweilen. Einer der fast täglichen Besucher ist Karl T. Er war bereit, mit Marianne Ricking darüber zu sprechen, was diese stille Zeit für ihn bedeutet.
"Jeden Tag in der Woche gehe ich in die Severinskirche zu Fuß, das tut mir gut. Das stille Gebet in meiner Severinskirche tut mir gut, ich kann ein Stück meiner Traurigkeit hierlassen und in dieser Zeit in Gedanken mit meiner Frau sprechen."
Karl T.s Frau starb im Dezember 2023. Er hat sie 18 Jahre lang gepflegt, das sei eine sehr intensive und trotz Krankheit und vieler belastender Erfahrungen glückliche Zeit gewesen.
Die Menschen in Nachbarschaft und Freundeskreis kannten ihn nur gemeinsam mit seiner Frau, die er im Rollstuhl geschoben hat. "Seit dem Tod meiner Frau empfinde ich große Trauer", sagt er und die Tränen stehen in seinen Augen. Zeit habe für ihn eine andere Qualität bekommen. Der tägliche Gang zur Severinskirche – meist zur gleichen Zeit – ist für ihn der Höhepunkt des Tages geworden. "Das stille Gebet und die Zwiesprache mit meiner Frau helfen mir, ich fühle mich ihr nahe."
Die starke Verbindung zur Severinskirche und zur Gottesdienstgemeinde dort ist neu für Karl T. – zuvor war ihm St. Maternus eher vertraut, da sind die Kinder zur Erstkommunion gegangen, als Familie haben sie dort die Gottesdienste mitgefeiert. Seit dem Tod seiner Frau hat sich das geändert. "St. Severin ist in diesen drei Jahren meine Kirche geworden", stellt er fest. Er feiert jetzt den sonntäglichen Gottesdienst um 11 Uhr regelmäßig mit, und hier und da auch die werktäglichen Gottesdienste. Die ganze Woche freut er sich auf den Sonntagsgottesdienst. "Es ist das schönste Erlebnis der ganzen Woche."
Zeit hat für ihn eine andere Qualität bekommen. War sie früher bestimmt und strukturiert durch die Fürsorge für seine Frau, dehnt sie sich jetzt ungestaltet lang für ihn. So hat er sich eine neue Zeitstruktur geschaffen – neben dem täglichen Gang zur Severinskirche ist ihm der wöchentliche Besuch des Grabes seiner Frau auf dem Südfriedhof wichtig. Dorthin fährt er mit dem Fahrrad und freut sich, dass er das noch kann.