Als ich beginne, diese Zeilen hier zu schreiben, sind es noch zwölf Tage bis zum "ET" (dem errechneten Termin der Geburt meines zweiten Kindes). Die Kontrolltermine bei der Gynäkologin und der Hebamme werden häufiger, gleichzeitig habe ich keinen Lohnarbeitsalltag mehr, ich habe freie Zeit zur Verfügung, während mein soziales Umfeld seinem gängigen Arbeitsalltag nachgeht. Manchmal dehnen sich die Tage, oft rauschen sie vorbei.
Habe ich Zeit für mich? Ja und nein. Ich ruhe mich viel aus, höre auf meinen Körper, auf das Leben, das da wächst. Und doch bin ich mit den Gedanken schon in der Zeit "danach". So teilt sich mein Leben gerade auf. Ein "Vor der Geburt" und ein "Nach der Geburt" bestimmen meine Gedanken.
Bin ich diesmal genauso gut vorbereitet wie beim letzten Mal? Ich könnte die Zeit doch besser nutzen! Wann wurden eigentlich die Fenster zuletzt geputzt? Das wird ja nach der Geburt auch wieder ewig nichts. Einige Dinge sind drängender, besonders mit dem Wissen, dass "danach" wenig Kraft und Zeit für Bürokratisches ist. So stelle ich nun Elternzeit- und Elterngeldanträge, bereite alles für die Krankenversicherung des Kindes vor, suche alle Unterlagen zur Anmeldung zusammen. Leicht romantisiert habe ich mir vorgestellt, dass ich die Zeit vor der Geburt in Museen vertrödele, neue Cafés ausprobiere, in Parks und am Rhein herumschlendere . Aber ich werde mich sicher auch noch erleichtert freuen, dass ich es "davor" noch geschafft habe, die Steuer einzureichen.
Meine letzte Geburt wurde zehn Tage nach "ET" eingeleitet. Zehn Tage, nachdem ich sehnsüchtig darauf gewartet habe, endlich mein Kind kennenzulernen. Dann bekam meine Wehentätigkeit bei der Geburtseinleitung einen kleinen Schubser und plötzlich ging alles rasend schnell. Als ich mein Kind das erste Mal in den Armen hielt, blieb die Zeit stehen.
So gut ich über die biologischen Abläufe informiert war, dieses Wunder war mir unbegreiflich. Von da an konnte ich dieses neue Wesen stundenlang anschauen und die Zeit komplett vergessen. Der Alltag war nun: stillen, schlafen, essen – und wieder von vorne. Zum Glück konnte mein Partner sich für eine längere Zeit freinehmen, sodass wir zusammen diese Anfangszeit genießen und die Herausforderungen gemeinsam teilen konnten.
Besonders banale eigene Bedürfnisse wie schlafen und essen hatten nichts mehr mit unserem vorherigen Alltag zu tun. Nahm ich mir vorher – besonders im Mutterschutz – gerne viel Zeit zur Zubereitung nahrhafter Mahlzeiten, war ich nach der Geburt so dankbar für jede Tupperdose mit Essen, die wir noch in der Tiefkühltruhe hatten.
Große Highlights waren dann liebevoll gekochte Mahlzeiten von Freund*innen, die uns durch ihr Kochen indirekt ihre Zeit schenkten. Oft gab es nur ein kurzes Vorbeibringen eines Eintopfs, eines Auflaufs. Ein großes Geschenk war, dass uns als Kleinfamilie die Zeit gegeben wurde, uns kennenzulernen und einzuspielen, ohne dass wir Gastgebende sein mussten. Wer doch auf einen Besuch vorbeikam, konnte die Kaffeemaschine selbst bedienen und tätigte auch sonst viele Handgriffe, die wir sonst als unsere Aufgabe empfunden hätten.
Jetzt steht bald das nächste Wochenbett ins Haus, auf das ich voller Vorfreude und Respekt blicke. Ich werde mit einem Säugling im Wochenbett sein, während mein älteres Kind seine Rolle als großes Geschwisterkind finden wird. Noch findet es die Bewegungen des Babys meistens lustig, wenn sich meine Bauchdecke ausbeult, aber ein wenig unheimlich ist es ihm schon manchmal, das "Baby – Bauch – raus – bald" (Zitat Ende). So vieles davon ist noch nicht greifbar.
Was heißt "Baby" genau, wenn es von einem unklaren Zeitpunkt an mit uns zusammenlebt? Wie funktioniert "raus"? Wann ist "bald"? Da ist viel Neugier und viel Unsicherheit. Aber das wird schon alles werden, mit der Zeit.
Anna K.