Wie gestalten zwei Menschen den Umgang mit der Zeit – Menschen, deren berufliche Zeitstrukturen auseinanderklaffen, nachdem einer der beiden im Ruhestand neu über eine selbstbestimmte Zeitgestaltung verfügt, der andere noch über Jahre intensiv in verantwortungsreiche berufliche Strukturen eingebunden ist.
Steffi und Harald waren spontan bereit, darüber mit Ingrid Rasch von der Pfarrbriefredaktion zu sprechen.
Seit drei Jahren sind sie ein Paar – beide mit eigener Wohnung und seit kurzer Zeit mit sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen, nachdem Haralds Berufstätigkeit im Februar dieses Jahres endete.
Steffis Beruf als Richterin am Verwaltungsgericht und zugleich als dessen Vizepräsidentin hat einen Arbeitstag von acht bis zehn Stunden, und das voraussichtlich noch weitere zehn Jahre.
Harald, der frisch gebackene Rentner, erlebt bisher noch keinen großen Unterschied in seinem Umgang mit der nun autonom verfügbaren Zeit. "Eigentlich fließt es, ich bin noch fast achtzig Prozent zeitlich verplant, fühle mich in einer festen Struktur, habe sehr viel zu tun." Er stellt fest, dass die Erwartungen der Menschen in seiner Umgebung sich deutlich verändert haben – da könne und solle doch jetzt viel mehr Zeit für andere Aufgaben sein. Da gibt es eine Patentante, die auf Besuch im Altenheim wartet, da gibt es die pflegebedürftige Mutter in der Nähe wohnend, die sich über Kontakt und Unterstützung zusätzlich zum Pflegedienst freut. Er versucht, diesen Wünschen und Ansprüchen zumindest in Teilen gerecht zu werden: "Früher schaute ich mal für eine Viertelstunde rein – heute bin ich eher eine Stunde da - so füllt sich das Mehr an frei verfügbarer Zeit sehr schnell anders." Immer mal wieder fragt er sich, wie er das früher eigentlich geschafft hat, beruflichen und privaten Anforderungen gerecht zu werden. Ob sich das ändern wird, wenn der Zeitraum des Rentendaseins länger ist, bleibt für ihn ungewiss. Das Thema Zeit - auch die Kostbarkeit der Lebenszeit hat für ihn eine neue Bedeutung gewonnen.
Der Blick auf die 65 Jahre lässt ihn die verrinnende Zeit und die Endlichkeit des Lebens deutlicher spüren als zuvor.
Ohne die beruflichen Verpflichtungen macht Harald jetzt gern kleine Reisen, und er hat – vorausschauend – schon im November 2025 kandidiert für den Kirchenvorstand in St. Severin, wurde gewählt und freut sich über die Aufgabe.
Steffi stellt fest: "Ich hatte schon etwas Angst davor, dass sich mit Haralds Renteneintritt sehr viel verändert in unserer Verbindung, aber das ist nicht eingetreten." Beide gestalten ihre schon bisher gut strukturierte gemeinsame Zeit ähnlich wie zuvor. Steffi wohnt in Riehl, Harald im Severinsviertel. Beide stehen um 6 Uhr auf und frühstücken gemeinsam – hier oder dort. Den Tag gemeinsam zu beginnen, war ihnen schon zuvor und ist erst recht jetzt besonders wichtig.
Steffi hat kein Auto, sie sitzt viel auf dem Rad, das macht ihr Freude.
Die Wochenenden verbringen beide in der Regel gemeinsam. "Mir ist wichtig, am Wochenende einen Gottesdienst zu besuchen. Hier in Severin gibt es ja drei Gottesdienste. Manchmal muss ich das einfordern, und das tue ich auch", stellt Steffi fest.
Wenn Harald nicht in Köln ist, dann schaut sie auch schon mal nach seiner Mutter. Die eigenen Eltern wohnen 400 Kilometer entfernt. "Da plagt mich manchmal das schlechte Gewissen, dass ich mich nicht so kümmern kann wie ich es gern täte. Gott sei Dank ist mein Bruder vor Ort."
Neben der gemeinsamen Zeit ist beiden wichtig, eigene Beziehungen und Freundschaften zu pflegen, einander genügend Zeit und Raum zu lassen. Und zu der neuen zeitlichen Konstellation in ihrer beider Leben:
"Das ist wie ein Mobile", sagt Harald. "Wenn sich da etwas bewegt oder verändert, dann braucht es ein neues Gleichgewicht, eine neue Balance" ergänzt Steffi.