Kinder-Zeit  

In meiner Familie bin ich die Einzige, die nicht gerne frühstückt.

Mein idealer Tag beginnt mit einer Tasse Kaffee, einem Glas Saft und eventuell einer Tageszeitung, aber auf jeden Fall allein. Der Rest meiner Familie hat morgens direkt nach dem Aufstehen Hunger und will erzählen. 

Es ist nicht so, dass es während der langen Zeit mit den Kindern zuhause bei mir keine idealen Tage gab. Aber der Tagesbeginn war immer recht trubelig: Weil die beiden Älteren unterschiedliche Schulen besuchten, frühstückten sie auch nacheinander, meistens war das Frühstück von ihrem Papa sehr liebevoll zubereitet. Ich saß jeweils dabei, versuchte mühsam mich an Gesprächen über Gott und die Welt zu beteiligen, die Art von Gesprächen, wie sie nur Kinder frühmorgens führen können, in aller Ruhe und ohne jeglichen Bezug zum Alltag. Nebenbei versuchte ich möglichst unauffällig zum Aufbruch zu mahnen. Bis die beiden aus dem Haus waren, verging gut eine Stunde. 

Dann, meistens bevor ich die Zeitung holen konnte, wachte unsere jüngste Tochter auf, sie ging damals noch in die Kita. Auch sie liebte das gemeinsame Frühstück. Also verbrachte ich die nächsten vierzig Minuten wieder mit Erzählen, dazu brauchte ich dringend den zweiten Kaffee. 

Anschließend machten wir uns in aller Ruhe auf den Weg zur Kita, wozu wir den Park durchqueren mussten. Meine Tochter kommentierte begeistert alles, was ihr auf dem Weg auffiel, die Vögel, manchmal sahen wir Kaninchen, die Blätter, die im Herbst von den Bäumen fielen, die Kleidung der Passanten, die parkenden Autos, die Steine und Stöckchen auf den Wegen. Ich erinnere mich ganz genau, wie schön ich das alles fand und wie sehr ich die Kinder für ihre Ruhe bewunderte. Ich erinnere mich aber auch an meine manchmal wohl schlecht verhüllte Ungeduld und an das leise Gefühl der Freude, wenn wir den kurzen Weg zur Kita endlich hinter uns gebracht hatten. In der Regel waren dann zweieinhalb Stunden vergangen, seit mein Wecker geklingelt hatte. 

Inzwischen sind die Kinder längst erwachsen und ich denke oft mit leiser Wehmut an die vergangene Zeit. Aber das Alleinsein am frühen Morgen ist herrlich!

Meine Enkelinnen besuchen dieselbe Kita wie damals meine jüngste Tochter und manchmal hole ich sie am Nachmittag ab. Für den Rückweg brauchen wir sehr lange, weil es unterwegs so viel zu erleben gibt. Heute kann ich ihren Blick auf die Dinge uneingeschränkt genießen und lasse mich gerne von ihrer Neugier und ihrer Unmittelbarkeit anstecken.

Stefanie Manderscheid