Fontane und der Küchenschrank

Als meine Oma (1903 - 1999) starb, hinterließ sie einen Küchenschrank aus den fünfziger Jahren.

Ich zog im Jahr 2000 in meine erste eigene Wohnung in Köln und durfte ihn mitnehmen. Seitdem begleitet mich dieser Schrank und mit ihm ein mit Pflaster befestigter etwas vergilbter Zeitungsausschnitt mit Theodor Fontanes Gedicht "Überlass es der Zeit."

Warum meine Oma gerade dieses Gedicht auswählte, lässt sich heute nicht mehr klären. 

Ihr Lieblingssatz "Alles zu seiner Zeit" fiel oft. Vielleicht war diese Einstellung für jemanden, der zwei Weltkriege, politische Umbrüche und materielle Not erlebt hatte, eine Form von Selbstschutz. 

Wahrscheinlich war Geduld für ihre Generation nicht nur eine Tugend, sondern häufig eine Überlebensstrategie.

Immer mal wieder stolpere ich über den Zettel und darin über die Zeile "Bäume nicht auf." Für mich steht sie für eine Haltung, die in vielen Familien weitergegeben wurde: Nicht auffallen, nicht anecken, nicht laut werden. Eine Haltung, die historisch verständlich ist, aber gesellschaftlich problematisch sein kann.

Deshalb möchte ich die Zeile aus Klaus Hoffmanns Lied "Glaub an dich" ergänzen:
"Ruhe ist in Ordnung, aber einmal kommt der Augenblick, da musst du laut sein."

Vielleicht ist das der eigentliche Wert dieses alten Zettels: Immer mal wieder Anstoß zur Reflexion zu sein. Er bleibt jedenfalls im Schrank.

Monika D.

IMG-20260517-WA0000 Fontane Text (c) privat