Das Westfenster von St. Severin

Erinnerungen von Bernhard Auel (zum Turmjubiläum 1995)

Nur für knapp sieben Jahre durfte ich Pfarrer an der Basilika Sankt Severin sein. Gerne war ich dort und vieles konnte ich mitgestalten. Nun schickt sich die Gemeinde an, ein Turmfest zu feiern. Nach langem Überlegen will ich versuchen, aus meiner Sicht einen Artikel über das große Westfenster zu schreiben, das hoffentlich nach den Unwetterschäden vom vergangenen Jahr wieder in seiner ganzen Pracht den Beschauer erfreut.

50 Jahre nach dem Krieg

An das Ende des zweiten Weltkriegs vor 50 Jahren erinnert mich ein Foto aus dem Archiv der Sankt-Severins-Gemeinde, das viele kennen dürften. Es zeigt den Blick aus dem Kirchenschiff in den durch Bomben zerstörten Turm. Dort, wo das Westfenster seinen Platz hat, klafft eine große Lücke, blendet das Licht ungehindert den Betrachter. Für die Gemeinde, die Kirchenvorstände und die Pfarrer waren gewaltige Anstrengungen erforderlich, um die altehrwürdige Kirche, die bald zur Basilika erhoben wurde, wieder aufzurichten und ihr den alten Glanz zurückzugeben. Dies war und bleibt eine Aufgabe über viele Jahre hinweg. Bis in den Herbst 1991 ging der Blick aus der Kirche hinaus auf ein mit Notglas nach dem Krieg geschlossenes Fenster im Turm.

Westfenster Skizze

Ein neues Fenster entsteht

Nachdem in den Jahren 1986 bis 1989 die Fenster im Chor fertiggestellt worden waren, konnte sich der Kirchenvorstand an das große Westfenster wagen. Dank großzügiger Hilfe durch den Förderverein für die Romanischen Kirchen war die Finanzierung für dieses große Fenster ermöglicht worden. Mit dem Künstler Paul Wegmann aus Leverkusen, der auch die anderen Fenster gestaltet hatte, war ein erfahrener und bestens ausgewiesener Künstler gefunden. Was sollte im Fenster dargestellt werden? Dabei war es ein scheinbar unlösbares Problem, die untere Hälfte des Fensters zu gestalten, würde sie doch nie vom Kirchenraum aus zu sehen sein. Seitens der Bauabteilung des Erzbistums gab es Wünsche, über dem Portal der Kirche das in der Architektur fehlende Tympanon anzudeuten, ein halbrundes skulpturengeschmücktes Giebelfeld über dem Portal, wie wir es von anderen gotischen und romanischen Kirchen kennen. Es brauchte einige Überzeugungsarbeit, um diesen Wunsch abzulehnen. Auch in der alten Fassung der Basilika hatte es solch ein Tympanon nicht gegeben. Stattdessen war die steinerne Umrahmung von Tür und Fenster immer eine große, ganz nach oben geführte Einheit.

Psalm 150

Schließlich konnte ich Herrn Weigmann als Thema den 150. Psalm nennen. Daraus entwarf Weigmann dann ein wahres Engelskonzert. Beim Betrachten des Fensters kann dieser Psalm immer wieder Meditationsanleitung sein. Darum sei er hier wiedergegeben in der Übersetzung von Fridolin Stier.

Halleluja! Preist Gott in seinem Heiligtum,

preist ihn am Gewölb seiner Macht.

Preist ihn mit seinen Gewalten,

preist ihn in seiner Erhabenheit Fülle.

Preist ihn mit dem Stoß der Posaune,

preist ihn mit Harfe und Leier.

Preist ihn mit Pauke und Tanz,

preist ihn mit Saiten- und Flötenspiel.

Preist ihn mit Zimbelschall, preist ich mit Zimbelgeschmetter.

Alles, was atmet, preise Jahwe, Halleluja!

[Quelle: Für helle und für dunkle Tage, Texte aus dem Alten Testament, übersetzt von Fridolin Stier, München 1994, S. 262]

Engel gibt es nicht

Am 23. November 1991 konnte das fertiggestellte Fenster dann gesegnet und der Gemeinde vorgestellt werden. Als Festprediger war Msgr. Erich Läufer eingeladen, der Chefredakteur der Kirchenzeitung. Ich erinnere mich gerne an seine ausgezeichnete Predigt über die Engel. Er begann mit einer kleinen Begebenheit. Am Vorabend hatte er sich das Fenster von außen angeschaut. Das innen hinter dem Fenster angebrachte Licht ließ das Fenster nach außen festlich erstrahlen und die Engel ihr Konzert auf den Severinskirchplatz hinaussingen und –spielen. Bald standen andere mit ihm da, um zu schauen. Als er nun fragte, "Ist dies nicht ein schönes Engelsfenster?", bekam er spontan zur Antwort: "Engel gibt es nicht." Es gibt sie, nicht nur im Fenster. Erich Läufer hat überzeugend den Dienst der Engel dargestellt, der vornehmster Dienst es ist, vor Gott zu stehen und ihm zu lobsingen. Die Engel deuten an, wozu wir Menschen berufen sind. Das soll das Fenster künden nach draußen und drinnen. Aus der Not war eine Tugend gemacht worden. Die untere Hälfte des Fensters war nicht von innen zu sehen, das Licht hinter Fenster ermöglicht nun die Betrachtung auch von außen. So kündet die Kirche ihre Botschaft auch hinaus ins Viertel, übrigens begeistert von den Menschen dort aufgenommen.

Eine Christkönigskatechese

Das Fenster birgt viele Details, die man oft erst suchen muss. Beim Einbau des Fensters hatte ich Gelegenheit, vom Gerüst aus jede Szene genau zu sehen und zu fotografieren. Im Archiv der Gemeinde befinden sich diese Aufnahmen. Am 24. November 1991, dem Christkönigssonntag, war es nun meine Aufgabe, den Kindern das Festgeheimnis nahezubringen. Ich habe es mit dem neuen Fenster versucht, in dessen Spitze wie eine Krönung Christus als Weltenherrscher dargestellt ist. Zuerst sollten die Kinder dorthinauf schauen, das Bild entdecken, um dann sich umzudrehen und wie an einem unsichtbaren Seil durch die ganze Basilika hindurch sich führen zu lassen zum Mittelfenster im Hochchor, in dem ebenfalls Christus darstellt ist als Salvator, als der Erlöser und Herr der Welt. Christus ist gewissermaßen die Klammer um all das, was hier im Kirchenraum geschieht, er ist das Haupt. Zu ihm führt alles hin, ihn gilt es zu verkünden. Die Kinder, so kann ich mich erinnern, haben das gut verstanden.

Turmbläser

Ein besonderes Ereignis im Verlauf des Kirchenjahres ist die Musik von Balustrade des Turmes am Silvesterabend. Über das Viertel hinweg tönen die alten Weisen und locken immer mehr Zuhörer an, die dann wenig später miteinander den Jahresschlussgottesdienst in der Basilika feiern. Im Fenster sind in den Zwickeln und den beiden oberen Reihen diese Bläser verewigt. Über dem Eingang in der zweiten Reihe werden sie unterstützt von einer Sängerschar aus acht Engeln, die daran erinnern mögen, dass hinter diesem Fenster die Sängerempore ist, von der Chor und Schola ihren musikalischen Beitrag leisten zur Ehre Gottes.

Ausschnitt aus Fenster St. Severin (c) B. Auel

Barbara

Im Dreipass über der nördlichen Bahn des Fensters ist ein musizierender Engel dargestellt, der einer Querflöte Töne entlockt. Ein kleiner Vogel sitzt auf der Flöte. Im Advent 1991 veranstaltete der Chor an der Basilika Sankt Severin ein adventliches Konzert. Barbara A. spielte auf ihrer Querflöte einige Solostücke an diesem Abend. Sie freute sich über ein kleines Dankeschön, das Foto ebendieser kleinen fast unscheinbaren Szene, die man ganz oben erst suchen muss. Und dann hatte der Engel auch einen Namen, eben Barbara.

Das Papstwappen

1953 war die Severinskirche, die das älteste Kölner Bischofsgrab birgt, von Papst Pius XII. zur Basilika minor erhoben worden. nur wenige Kirchen erhalten diese päpstliche Auszeichnung. Als äußeres Zeichen wird das Wappen des Papstes an der Basilika angebracht. Genau in der Mitte über dem Eingang ist das Wappen Pius' XII. zu erkennen. Die Neugestaltung des Fensters gab Gelegenheit, das Wappen des derzeitigen Papstes ebenfalls an der Basilia anzubringen. Einer der Sänger im Engelchor – der vierte von links (vom Kirchplatz aus gezählt) – trägt das Wappen. In einem einfachen blauen Wappenschild ist das Kreuz zu erkennen und ein großen M, das für Maria, die Gottesmutter, steht. Ganz ihrer Führung und ihrem Schutz hat sich unser Heiliger Vater anvertraut. Das will er mit diesem Wappen zum Ausdruck bringen. Dazu sind auch wir eingeladen.

IMG-20170808-WA0002 (c) SilviaBins

Der Narr im Fenster

Ganz unten zu Füßen der Engel – nur von draußen zu sehen im zweiten Fenster von links – hockt ein buntgekleideter Narr. Frau Christel Loeff hat den Künstler auf die Idee gebracht, diesen Narr gewissermaßen auf die Fensterbank zu setzen. Wir hatten gemeinsam beim Künstler den Entwurf des Fensters angeschaut, um den Fortgang der Arbeiten zu beobachten. Dabei kam die Idee. Der Narr sitzt da wie die vielen Leute aus dem Viertel im Herzen Köln, dem Vringsveedel. Bei Familie Loeff habe ich selbst oft diesen Platz einnehmen können, um den Rosenmontagszug zu sehen. Etwas von dieser Stimmung spricht aus der Szene im Turmfenster. Der Narr im Fenster ist ein Stück des Lebens der Leute auf dem Kirchplatz, wo für das Viertel an Weiberfastnacht das tolle Treiben eröffnet wird mit Kölsch und Musik. Auch für diesen Narr hatte Erich Läufer bei seiner Predigt zum Fenster einen treffenden Kommentar: "Schlimm für die Kirche, wenn es in ihr nichts mehr zu lachen gibt."

Ein Fenster für den Pastor

Mein Artikel über das Westfenster ist subjektiv gefärbt, gibt Impressionen wieder, ist darum auch keine Würdigung der künstlerischen Leistung, wohl deren uneingeschränkte Anerkennung. Die letzte Zwischenüberschrift gibt einen ganz persönlichen Eindruck wieder. Das Fenster ist während des Gottesdienstes immer im Rücken der Gläubigen, wird daher von ihnen fast nie wahrgenommen. Dafür hat der Priester vom Altar aus immer wieder die Freude, dieses wunderbare Fenster zu sehen und die Freude drüber mit in sein Gebet aufzunehmen ganz im Zusammenklang mit dem Beten der Kirche, mit allen Engeln und Heiligen, wie es in den Präfationen und Gesängen der Kirche immer wieder besungen wird. Ich wünsche, dass möglich viele das Fenster so zu lesen lernen.

 

Entnommen aus: "Der Westturm von St. Severin 1993/94 – 1995 – Festschrift Köln 1995"

Bernhard Auel war von 1986 bis 1993 Pfarrer an St. Severin.